Logistik: Technologie ersetzt Mensch

„Welche digitalen Technologien werden zukünftig in der Logistikbranche einen festen Platz finden?“ Mit dieser und zahlreichen weiteren Fragen haben wir uns im Rahmen eines Integrationsseminars der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn beschäftigt.

Die aktuellen Innovationen der Logistik haben wir recherchiert, gefiltert und anschließend mit vier Experten kategorisiert. Diese setzten sich zusammen aus einem Professor der DHBW und drei weiteren Experten aus internationalen Unternehmen. Mithilfe der Experten-Interviews haben wir aus insgesamt 18 Technologien die Top 10 Innovationen festgestellt und wiederum davon fünf priorisiert. Folglich ergaben alle weiteren Innovationen wie Virtual Reality oder die Anwendung von Drohnen etc., derzeit keine Relevanz für die befragten Experten und wurden somit im folgenden Beitrag nicht thematisiert.

Die Digitalisierung tritt immer mehr in den Alltag der Menschen ein und wächst weiterhin rasant an. Auch in der Logistikbranche sind digitale Technologien zu einem wichtigen Bestandteil geworden, indem sie Menschen bei den Tätigkeiten ihrer Arbeit unterstützen – sogar teilweise ersetzen. Trotz Herausforderungen bei den verschiedenen Technologien lassen sich für die Unternehmen vor allem schlankere Prozesse entwickeln. So wird der Branche eine effizientere sowie ressourcenschonendere Gestaltung von Abläufen, die Reduktion von Kosten und die Steigerung der Produktivität geboten. [1]

Wie digitale Technologien in den nächsten Jahren zu diesem Erfolg beitragen und was ihre Schattenseiten sind, wird mit Hilfe der befragten Experten in diesem Beitrag erläutert. Die zuvor genannten fünf Technologien gliedern sich wie folgt:

Anticipatory Shipping – Gute Chancen nur für Amazon?

Die künstliche Intelligenz (KI) begegnet uns tagtäglich und nimmt von Tag zu Tag einen größeren Einfluss auf unseren Alltag ein. KI-gestützte Anwendungen wie Google Translate, Siri oder Alexa werden von hunderten Millionen Menschen – darunter auch wir – täglich genutzt. Jeder hatte auch schon mal das ,,Vergnügen“, mit digitalen Assistenten bzw. KI-basierten Chatbots zu kommunizieren, hauptsächlich als Anwender für ein bestimmtes Kundenservice-Programm. Wie man bereits sehr gut herauslesen kann – es gibt nicht ,,die“ eine KI – sondern eine Vielzahl verschiedener Methoden, Verfahren und Technologien, die in unterschiedlichsten Bereichen angewendet werden können. Auch in der Logistikbranche werden KI-basierte Technologien in der Zukunft Arbeitsprozesse optimieren.

Insbesondere die KI-gestützte, innovative Anwendung ,,Anticipatory shipping“ wird sich in Zukunft – nach Aussagen der interviewten Experten – in der Logistikbranche etablieren. Doch was ist überhaupt Anticipatory shipping?- Dabei handelt es sich um eine „Vorahnung“ der KI für zukünftige Kundenbestellungen. Aufgrund von Daten, Suchhistorien, Merkzetteln und Warenkörben kann von Unternehmen eine Prognose durchgeführt werden, in welcher Region, welche Ware besonders nachgefragt wird. Dadurch kann die Ware frühzeitig bereitgestellt und kürzere Lieferzeiten erzielt werden. Sinnbildlich dafür steht der Slogan „Liefern schon vor der Bestellung“.

Das Modell Anticipatory shipping wurde 2013 erstmals durch den Online-Giganten Amazon ins Leben gerufen und patentiert. Dabei soll ein Computer- Algorithmus aufgrund seiner bereits vorhandener Datenbasis das Kaufverhalten der Amazon-Kunden prognostizieren. Diese Datenbasis ergibt sich aus dem Inhalt des Wunschzettels, die Verweildauer des Mauszeigers bei bestimmten Angeboten, Kundenrezessionen, in der Vergangenheit gekaufte Produkte, etc.

„Big Data Management“- eine der wichtigsten Schlüsselressourcen für diese Anwendung. Eine große Menge von Daten ist die Voraussetzung um Anticipatory shipping durchführen zu können. Zusätzlich sind ein funktionierendes IT-System und eine intakte Supply Chain von signifikanter Bedeutung. Hierfür muss das IT-System mit der funktionierenden Supply Chain kompatibel sein, damit die Warenverfügbarkeit am richtigen Ort und in der richtigen Zeit gewährleistet werden kann. Jedoch bringt diese Anwendung zahlreiche Herausforderungen mit sich. Exemplarisch hierfür stehen ein Mangel an Fachkompetenz, die Komplexität der Datenauswertung sowie die geringe Messbarkeit von Spontankäufen, Wunschänderungen oder Ausnahmen. Aufgrund dessen kann derzeit kein Unternehmen zu 100% das Kaufverhalten der Kunden prognostizieren. [2]

Zusammengefasst sind auf Basis der Experteninterviews einige Vor- und Nachteile des Anticipatory shipping festgestellt worden. Während ein Hauptabteilungsleiter in der Logistik eines großen Unternehmens in Deutschland unzureichende Datenmengen für die Logistik anzweifelt, befürwortet ein anderer Experte diese. Zukünftig könnten auf Basis der automatisch analysierten Daten schnellere und effizientere Entscheidungen für  die Optimierung von Prozessen getroffen werden.

Es lässt sich somit festhalten, dass KI im Allgemeinen in den Unternehmen an Relevanz gewinnt und auch in Zukunft noch weiter gewinnen wird. Auf Seiten der Nutzer ist die KI im Gegensatz dazu nicht relevant, da beispielsweise das Analysieren und Auswerten der Nutzerdaten keinen Mehrwert für die Kunden generieren.

Datenanalyse – Wozu die ganze Masse an Informationen? Kostenreduktion durch ansteigende Daten

Ist Datenanalyse keine KI?  – Nein. Die Datenanalyse bildet die Grundlage für die oben aufgeführte KI. Eine Datenanalyse dient vor allem der Informationsgewinnung. Es werden statistische Methoden verwendet, um aus den erhobenen Daten die nützlichen Informationen abzuleiten und schlussendlich die Entscheidungsfindung zu erleichtern.

Mit der wachsenden Digitalisierung nehmen auch die Datenmengen an Ausmaß zu. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, die gigantischen Datenmengen, den stetigen Datenzuwachs, multidimensionale IT-Systeme und steigende Datenkomplexität zu verarbeiten und Zusammenhänge zu erstellen. Dabei sind die Daten für jedes Logistikunternehmen von hoher Bedeutung. Insbesondere die Logistikdienstleister können von einer Echtzeit-Analyse profitieren. Durch diese Datenanalysen können innerhalb der Routen- und Laderaumoptimierung kürzere und effizientere Strecken unter einer gleichzeitig höheren Auslastung sichergestellt werden, sodass dadurch die Transportkosten reduziert werden. [3]

Die Experten bestätigten die Vorteile der Datenanalysen innerhalb der Logistikbranche. Neben der Informationsgewinnung, wird vor allem der Bezug zur KI hergestellt. Nur mit Hilfe von vorhandenen, aktuellen Daten kann sich eine KI stetig optimieren und weiterentwickeln. Zusätzlich können umfassende Datenauswertungen mit Hilfe von Business Analytics herangezogen und für das Unternehmen veranschaulicht werden.

Datenanalysen in Logistikunternehmen werden in den nächsten 10 Jahren mehr an Relevanz gewinnen, da laut Experten dort die Basis für viele weitere digitale Technologien, wie beispielsweise der KI, liegt. Die Datenmassen werden aufgrund der Verlagerung des Nutzers, weg vom stationären hin zum digitalen, an massivem Wachstum gewinnen. Es liegt im Interesse jedes Unternehmens sich mit der Analyse seiner Daten zu befassen und bei einem Anstieg an eine KI zu übermitteln. So können die Effizienz und schlanke Prozesse langfristig stabil bleiben.

Autonomes Fahren – Mehr als nur ein Tesla Autopilot

Denkt man an Robotik, erscheint einem entweder direkt das Bild der Roboter-Kolonien, die im Wettkampf mit dem Menschen als Arbeiter stehen oder das neueste autonome Modell der Marke Tesla. Jedoch steht hinter Robotik viel mehr als nur der Konkurrenz-Gedanke oder das schöne Auto. Vorrangig sollen sie die Transportketten und deren Prozesse optimieren und die Produktivität steigern. Dabei gibt es innerhalb der Logistik viele verschiedene Einsatzbereiche.

Im Transportwesen wird Robotik vor allem mit dem autonomen Fahren in Verbindung gebracht. Kameras, Laser- und GPS-Systeme sollen dabei mehr Sicherheit im Transport bezwecken. Zusätzlich kann der Führer des Transportmittels im Notfall eingreifen. [4] Das Be- und Entladen der Fahrzeuge erfolgt jedoch weiterhin manuell. In der Lagerlogistik gibt es einige weitere Einsatzmöglichkeiten. Die Experten betonten hier vor allem den aktuellen Einsatz in den Hochregallägern der Logistikunternehmen. Dabei ist deren Einstellung zu dieser digitalen Technologie sehr gespalten.

Während ein Experte den Einsatz von Robotik im Hinblick auf die Reduktion des Faktors Mensch und der damit verbundenen Steigerung der Produktivität befürwortet, kritisiert ein anderer Experte speziell dieses Argument. Robotik ersetzt seiner Meinung nach eine Arbeit, die auch Menschen erfolgreich erledigen können. Es liegt in der Verantwortung eines jeden Logistikunternehmens, welche Aussage mehr gewichtet wird.

Bei jedem der befragten Experten ist Robotik vor allem in den Hochregallägern von hoher Relevanz. Autonome Picking-Roboter, so wie sie bei dem Online-Marktplatz Amazon im Einsatz sind, liegen allerdings noch in der Ferne und werden nicht in absehbarer Zeit eingeführt.

Die befragten Experten tendieren in der Zukunft eher für eine Vermischung der manuell menschlichen Arbeit und den verschiedenen digitalen Technologien. Beispielsweise wird Augmented Reality bei Weiterbildungen in der Lagerlogistik angesprochen. Der Faktor Mensch wird somit, in den nächsten Jahren, nicht in seiner Ganzheit von Robotik ersetzt. Jedoch wird man sich mit unterstützenden Robotern arrangieren müssen.

Vision Picking – Kommissionierung mit Sinnen

Die Welt der Lagerlogistik dreht sich schnell und in den letzten Jahrzenten hat sich viel verändert. Aus der einfachen Packliste des Kommissionierers wird ein elektronisches System. Aus diesem Grund führten wir aufregende Gespräche mit den befragten Experten. Diese teilten nicht immer die gleiche Meinung, dennoch konnten wir über mehrere Anwendungen diskutieren, die im Folgenden aufgeführt werden.

Angefangen mit dem Handheld, ein tragbares, elektronisches Handgerät. Ausgerüstet mit Display und Scanner, identifiziert es den Stellplatz mittels eines Barcodes. Der Kommissionierer erhält somit die Information über die Lage seines nächsten Artikels mit Hilfe dieses Handgerätes. Jedoch benötigt der Nutzer seine Hände, um die Aufgaben erledigen zu können. Aufgrund dessen ist das Tragen des Handhelds ineffektiv.

Des Weiteren gibt es die Technologie Pick by Light, die in der Logistikbranche ihre Anwendung findet. Dabei leuchtet das Display des Stellplatzes auf, bei dem der nächste zu kommissionierende Artikel bereitsteht. Somit weiß der Logistik-Mitarbeiter genau welcher Stellplatz der nächste ist. Trotzdem bringt diese Anwendung Nachteile mit sich. Bei einer Lagerumstellung passt sich das System des Pick by Light nicht automatisch an, sondern ist eher unflexibel. Dadurch müsste das System neu angepasst werden, wodurch hohe Kosten entstehen.

Eine weitere Anwendung in der Logistikbranche, ist das Pick by Voice. Dabei werden dem Kommissionierer Anweisungen per Stimme übermittelt. Die ständige sprachliche Interaktion erfordert enorme Konzentration. Nach dem Schritt des Kommissionierens folgen weitere Prozesse. Daher ist eine korrekte Ausführung von großer Bedeutung. Eine hohe Konzentration ist maßgebend für eine hohe Pickdichte. In diesem Zusammenhang waren sich die Experten einig, dass auf lange Sicht gesehen Pick by Voice nicht geeignet ist. Es wird eine präzise und effiziente Kommissionierlösung benötigt. [5]

Innovative Kommissionierung mit Datenbrillen, lautet die Lösung. Dabei wird unter Verwendung der Augmented-Reality das Kommissionieren neu entdeckt. Pick by Vision ermöglicht optimierte Prozesse und steigert gleichzeitig die Produktivität. Über präzise, visuelle Informationen im Display der Datenbrille wird der Auftrag individuell und situativ aufgeführt. Der Kommissionierer sieht im Display ausschließlich die aktuell relevanten Informationen und wird so zielsicher durch den Arbeitsprozess und das Logistiklager geleitet. Ein integrierter Scanner liest den Barcode des Stellplatzes und stellt so sicher, dass sich der Mitarbeiter am richtigen Platz befindet. Ein Blick, ein Scann, ein Pick. Erledigt! Schon zeigt das Display den nächsten Pick an, somit werden Fehler vermieden. Sollte sich der  Kommissionierer doch mal am falschen Stellplatz befinden, erscheint im Display ein Warnhinweis. Das System verifiziert dann den richtigen Stellplatz. Dadurch kann der Lagerist mit seinen beiden freien Händen, den Auftrag zusammenstellen. Am Ende des kompletten Auftrags, kontrolliert die Brille per Scan, den korrekten Stellplatz in der Bereitstellungszone und markiert den Vorgang als erfolgreich abgeschlossen! Dank der präzisen und strikten Prozessführung, erreicht man eine sehr hohe Pickdichte, welche essentiell für die Supply Chain eines Unternehmens ist. Darüber hinaus werden die Kosten nachhaltig gesenkt. [6]

Zusammengefasst kann man feststellen, dass es einige Anwendungen im Bereich der Lagerlogistik gibt. Dabei werden heutzutage alle Innovationen in den verschiedensten Unternehmen angewandt. Vergleicht man die Aussagen der vier Experten, erweist sich Pick by Vision als zukunftsträchtigste Anwendung.

Live Tracking – Kontrolle oder Unterstützung?

Die Logistikbranche fokussiert sich bei Internet of Things vor allem auf ein Thema: Live-Tracking! Hier werden Geopositionen nicht auf einem Gerät gespeichert, sondern in Applikationen verarbeitet und auf einem Endgerät – meist vom Kunden – angezeigt. Positionen können aktuell abgerufen und Routen verfolgt werden. Dies bietet den Kunden eine hohe Transparenz und schafft ebenso den Aufbau von Vertrauen zu dem jeweiligen Absenderunternehmen. [7] Während Kunden Live-Tracking vor allem durch die Paketdienstleister kennen, hat das Live-Tracking in Logistikunternehmen nochmals eine weitere, wichtige Funktion. Die Unternehmen stehen folgenden Fragen gegenüber:

  • Wo kommt die Ware her?
  • Ist die Ware optimal transportiert?
  • Wo ist die Ware?

Hier spielt der Sicherheitsaspekt eine wichtige Rolle. Laut Experten kann mit Hilfe des Live-Trackings genau nachvollzogen werden, ob sich ein Transport gerade im Stau oder, im schlimmsten Fall, in einem Unfall befindet. Fahrzeug und Fahrer können in diesen Konfliktfällen schnellstmöglich ermittelt werden.

Es ist deutlich zu erkennen, dass Live-Tracking ebenfalls zum Informationsfluss und somit zur Datengewinnung eines Logistikunternehmens beiträgt. Jedoch steht die Branche trotz der wachsenden Datenmenge einigen Herausforderungen entgegen. Viele Systeme laufen nach Expertenmeinungen noch nicht fehlerlos. Die Übermittlung der Geoposition erfolgt teils zeitversetzt, weshalb die Genauigkeit optimiert werden muss. Zusätzlich ist unklar wer die Erfassung vom Nummernschild des Transportfahrzeuges und dem jeweiligen GPS-System übernimmt. Die Transportdienstleister sprechen sich hierbei für den Spediteur aus. Im Gegensatz dazu, spricht sich der Spediteur für den Transportdienstleister aus. Fakt ist, dass die Tätigkeit noch nicht automatisch erfolgen kann und zwingend manuell durchgeführt werden muss.

Die Relevanz von Live-Tracking wird, in den nächsten Jahren in der Logistikbranche, stark an Bedeutung gewinnen. Dadurch werden Unternehmen dementsprechend notwendige Prozessoptimierungen vornehmen müssen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass alle Experten aus der Logistikbranche dem Wachstum an digitalen Technologien positiv entgegenblicken. Den damit verbundenen Herausforderungen wird sich früher oder später jedes Logistikunternehmen stellen müssen. Die zugehörige Umsetzung und anschließende Optimierungen sind nicht unmöglich und können mit dem gewissen Knowhow definitiv erreicht werden. Inwieweit sich der digitale Fortschritt zukünftig auf die Sicherheit der Arbeitsplätze in der Logistikbranche auswirkt, kann nur vermutet werden. Bei dieser Frage spalten sich auch die Meinungen der befragten Experten.

Quellen:

[1] https://www.smapone.com/blog/details/technologietrends-in-der-logistik-4-0/

[2] http://www.vallee-partner.de/blog/anticipatory-shipping

[3] https://toll-collect-blog.de/der-digitale-frachtbrief-kann-mehr-als-nur-papier-sparen/

[4] https://www.trackerbox.net/magazin/was-ist-live-tracking/

[5] https://mediatum.ub.tum.de/doc/1185982/file.pdf

[6] https://www.cot.de/pick-by-vision-xpick

[7] https://www.trackerbox.net/magazin/was-ist-live-tracking/

Autoren: Furkan Halifegil, Diandra Mürb, Cagri Önder, Loreen Pröschel, Marcel Tompeck

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